Die US-Aktienmärkte haben am Donnerstag mit kräftigen Kursgewinnen auf eine überraschende Entspannung im Nahostkonflikt reagiert. Nachdem die Börsen am Mittwoch noch unter steigenden Inflationssorgen und geopolitischen Risiken gelitten hatten, setzte eine breite Erholungsrally ein. Vor allem Technologiewerte und Halbleiteraktien führten die Aufwärtsbewegung an.
Der Dow Jones Industrial Average legte um rund 1,8 Prozent beziehungsweise knapp 900 Punkte zu. Der marktbreite S&P 500 gewann etwa 1,3 bis 1,7 Prozent und näherte sich erneut seinen Rekordständen. Noch stärker präsentierte sich der technologielastige Nasdaq-100, der um mehr als 3 Prozent zulegte. Damit machten die wichtigsten US-Indizes einen Großteil der Verluste des Vortages wieder wett.
Trump sorgt für Erleichterung an den Märkten
Der entscheidende Impuls kam aus Washington. US-Präsident Donald Trump erklärte überraschend, geplante Militärschläge gegen Iran seien vorerst abgesagt worden. Gleichzeitig sprach er von Fortschritten bei diplomatischen Gesprächen mit mehreren Staaten der Region. Die Ankündigung löste an den Finanzmärkten eine regelrechte Erleichterungsrally aus. Anleger hatten zuletzt befürchtet, dass eine weitere Eskalation den Ölpreis deutlich nach oben treiben und damit die Inflation erneut anheizen könnte. Die Aussicht auf eine diplomatische Lösung verringerte diese Sorgen spürbar. (Reuters)
Bereits in den vergangenen Wochen hatte der Konflikt rund um die Straße von Hormus immer wieder für Nervosität gesorgt. Die wichtige Schifffahrtsroute gilt als einer der bedeutendsten Transportwege für Rohöl weltweit. Jede Störung hat unmittelbare Auswirkungen auf die Energiepreise und damit auf die globale Inflation.
Inflation bleibt hoch – Anleger schauen dennoch nach vorne
Dabei fielen die Konjunkturdaten keineswegs eindeutig positiv aus. Der Produzentenpreisindex (PPI) für Mai lag über den Erwartungen und bestätigte den anhaltenden Inflationsdruck in der US-Wirtschaft. Vor allem die zuvor stark gestiegenen Energiepreise wirkten sich auf die Großhandelspreise aus. Normalerweise wären solche Daten ein Belastungsfaktor für die Börsen, da sie die Wahrscheinlichkeit länger hoher Zinsen erhöhen. (Marktbeobachtung)
Doch die Anleger entschieden sich diesmal für eine andere Interpretation. Viele Marktteilnehmer gehen davon aus, dass der Inflationsanstieg in erster Linie auf die geopolitischen Spannungen und den Ölpreisschock zurückzuführen ist. Sollte sich die Lage im Nahen Osten weiter beruhigen, könnten sich auch die Preissteigerungen wieder abschwächen. Entsprechend überwog die Hoffnung auf eine temporäre Belastung.
KI- und Halbleiterwerte führen die Rally an
Besonders gefragt waren erneut Unternehmen aus dem KI- und Halbleitersektor. Die Aktien von AMD, Intel und Micron konnten deutliche Gewinne zwischen fünf und sieben Prozent verbuchen. Auch zahlreiche weitere Chipwerte erholten sich kräftig von den Verlusten des Vortages. Der Halbleitersektor profitierte dabei von einer Mischung aus Schnäppchenkäufen und dem anhaltenden Vertrauen der Investoren in den langfristigen KI-Boom. (New York Post)
Die Entwicklung zeigt einmal mehr, wie stark die Wall Street derzeit von der Erwartung geprägt wird, dass künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren erhebliche Wachstumsimpulse liefern wird. Selbst zwischenzeitliche Inflations- oder Zinsängste können diesen Optimismus bislang nur kurzfristig bremsen.
Oracle wird trotz guter Zahlen abgestraft
Eine Ausnahme bildete Oracle. Die Aktie geriet nach der Vorlage der Quartalszahlen massiv unter Druck und verlor zeitweise rund zehn bis elf Prozent. Dabei hatte der Softwarekonzern die Erwartungen bei Umsatz und Gewinn sogar übertroffen. Anleger störten sich jedoch an den enormen Investitionsplänen für neue KI-Rechenzentren.
Oracle kündigte an, in den kommenden Jahren zusätzlich Milliardenbeträge über Fremd- und Eigenkapital aufnehmen zu wollen. Die hohen Ausgaben sorgen für Sorgen hinsichtlich der künftigen Profitabilität und des Cashflows. An der Börse wurde deutlich, dass Investoren inzwischen nicht mehr nur Wachstum sehen wollen, sondern zunehmend auch auf die Finanzierungskosten des KI-Ausbaus achten. (Investopedia)
Ölpreis bricht ein – Anleiherenditen sinken
Parallel zur Aktienrally kam es zu deutlichen Bewegungen an anderen Märkten. Die Ölpreise gaben kräftig nach. Brent-Rohöl verlor mehr als drei Prozent und fiel wieder in Richtung 90 US-Dollar je Barrel. Auch WTI-Rohöl stand deutlich unter Druck. Hintergrund war die Hoffnung, dass die Gefahr einer Unterbrechung der Ölversorgung im Nahen Osten vorerst gesunken ist. (Reuters)
Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen gingen ebenfalls zurück. Sinkende Ölpreise und eine geringere geopolitische Risikoprämie führten dazu, dass Investoren wieder verstärkt in Anleihen investierten. Gleichzeitig verlor der US-Dollar gegenüber wichtigen Währungen leicht an Wert. Sichere Häfen waren weniger gefragt.
Bemerkenswert war zudem die Entwicklung bei Gold. Trotz der Entspannung im Nahen Osten stieg der Goldpreis weiter an. Marktteilnehmer sehen das Edelmetall weiterhin als Absicherung gegen Inflation und mögliche politische Unsicherheiten.
Ausblick: Blick richtet sich auf Adobe und die Fed
Für die kommenden Handelstage dürfte die Aufmerksamkeit der Anleger auf zwei Themen gerichtet bleiben. Zum einen werden die Aussagen der US-Notenbank genau verfolgt. Nach den jüngsten Inflationsdaten bleibt die Frage offen, wann die Federal Reserve wieder Spielraum für Zinssenkungen erhält.
Zum anderen rücken die Unternehmenszahlen von Adobe in den Fokus. Der Softwarekonzern gilt als wichtiger Gradmesser für die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die Kreativsoftware-Branche. Anleger hoffen auf Hinweise, ob KI für Adobe eher Bedrohung oder Wachstumstreiber ist.
Sollte sich die Lage im Nahen Osten weiter stabilisieren und der Ölpreis seinen Rückgang fortsetzen, könnten die US-Börsen ihre Rekordjagd bereits in den kommenden Tagen wieder aufnehmen. Die starke Reaktion vom Donnerstag zeigt jedenfalls, dass die Risikobereitschaft der Investoren weiterhin hoch bleibt.
Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung, Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Investitionen in Aktien sind mit Risiken verbunden und können zum Verlust des eingesetzten Kapitals führen. Anleger sollten vor einer Investitionsentscheidung stets ihre eigene Recherche durchführen oder einen unabhängigen Finanzberater konsultieren.
